Rezension: „Wie ein Taifun, schlagartig und ohne großes Blabla…“

Es sind die Folterberichte aus den Gefängnissen der Türkei, Lybiens oder den USA, die es hierzulande ab und zu in die großen Medien schaffen. Deutsche Justizvollzugsanstalten wirken dagegen fast harmlos. Die breite Masse der Bevölkerung dürfte nur eine vage Vorstellung von dem Alltag in deutschen Gefängnissen haben. Die furchtbare Realität lassen uns nur selten bekanntwerdende Fälle, wie vor einem Jahr erst der Tod von Ferhat Mayouf, erahnen. Ebenfalls letztes Jahr ist ein Buch erschienen, dass diese von der Gesellschaft entfremdete Welt aus nächster Nähe beschreibt.


Andreas „der Taifun“ Krebs Salih, erfolgreicher Kampfsportler, Motorradfan und lebenslanger Rebell hat bis heute 20 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Den Großteil, 17 Jahre, in verschiedenen deutschen Vollzugsanstalten. Aus seiner Zelle heraus entwickelte er eine rege politische Aktivität. So baute er die Gefangenengewerkschaft mit auf, setzte sich mit Hungerstreiks und anderen Aktionen für seine Rechte und die seiner Mitgefangenen ein und schrieb wie kaum ein Anderer Briefe und Beiträge über den Knastalltag in Deutschland. Auf bitten seiner Unterstützer*innen und Freunde hat „Andi“ seine zahlreichen Erlebnisse nun niedergeschrieben. In dem entstandenen Buch „Der Taifun – Erinnerungen eines Rebellen“ berichtet er ausgehend von seinen Tagebuchaufzeichnungen auf knapp zweihundert Seiten von seinem Leben, insbesondere von den Jahren als Langzeithäftling. Brutal beschreibt Andreas die allgegenwärtige Gewalt im Knast, spricht offen über Suizid, Folter und Isolation. Oft anekdotisch beschreibend, nicht immer zeitlich aufeinander folgend reiht sich ein Kapitel an das Nächste. Gefüllt sind sie mit Episoden aus Andreas Leben und Geschichten über das Schicksal seiner Mitgefangenen. Wie die seines Freundes Dimitri. Als er wie jeden Tag die Gefangenenliste für die Bibliotheksnutzung aktualisiert bemerkt er, dass neben Dimitris Namen das Wort ABGANG eingetragen ist. Was bedeutet das? Wenn Dimitri vorzeitig entlassen worden wäre, hätte er seinem Freund doch bestimmt davon erzählt. Am Tag vorher hatten sie sich noch gesehen und etwas Tabak geteilt. Später auf Nachfrage beim zuständigen Beamten wird Andreas mitgeteilt, dass sein Freund Dimitri S. sich in der vergangenen Nacht das Leben genommen hat.
Alles ist durchdrungen von der herzlichen Aufrichtigkeit und dem kämpferischen Selbstbewusstsein, dass Andreas im Angesicht von Ungerechtigkeiten immer wieder an den Tag legt. Es ist diese bodenständige Unverfälschtheit, die dieses Buch wirklich lesenswert macht.
Beim Lesen stellt sich das Gefühl ein, Andreas würde in seiner Zelle auf einem Stuhl dem Leser gegenüber sitzen und sich sein Leid von der Seele reden. Seine Geschichten vermitteln einen realistischen Eindruck vom Leben im Gefängnis in Deutschland. Die Herausgeber haben sich dafür entschieden, den Text so gut wie gar nicht redaktionell zu bearbeiten. Allerdings haben sie einen umfangreichen Anhang mit weiteren Briefen, Artikeln, Interviews und Texten von Andreas Krebs angefügt, die sich in den letzten Jahren angesammelt hatten. Aus der nüchternen Sprache ergibt sich gerade die Authentizität dieses Berichtes. Und das braucht der Text auch an vielen Stellen. Einige Episoden wirken geradezu irreal, so zum Beispiel wenn im Nebensatz erzählt wird, das der Flurboden heute wieder voller Blut war, dass Andreas aufwischt ohne zu wissen warum und von wem oder wenn schwerbewaffnete Spezialeinheiten ihn des Nachts quer durch das Land verlegen.
Denn als widerständiger Gefangener und angeblicher Unterstützer der dritten Generation der RAF war er häufig besonderen Repressionsmaßnahmen ausgesetzt.

„Nur Idioten glauben an die Gerechtigkeit der herrschenden Justiz. Die Justiz beruht auf auf von Menschen zur Unterdrückung von Menschen geschaffenen Gesetzen und ist daher gezwungenermaßen repressiv. Der Knast ist das wichtigste Disziplinierungsmittel eines jeden auf Knechtung und Ausbeutung beruhenden Systems zur Aufrechterhaltung einer willkürlichen Ordnung. Die, die Macht ausüben, halten sich selbst an keine Gesetze.“


Außerhalb dieser Passage, die es auch auf den Klappentext geschafft hat, verzichtet Andreas in dem Buch weitgehend auf politische Analysen. Vielmehr macht die strikt persönliche Ebene das Thema emotional greifbarer. Es liefert genau das schockierende Bild der Willkür und Ohnmacht, der die Gefangenen in dieser Welt ausgesetzt sind. Nach seiner Entlassung organisierte er weiter die Solidaritätsarbeit für Gefangene. Er beteiligte sich an der Veranstaltung der Anti-Knast Tage und hielt Vorträge über seine Zeit im Gefängnis. Körperlich hatte die langjährige Haftzeit aber ihre Spuren bei Andreas hinterlassen und der bundesdeutsche Repressionsapparat ließ auch in nach seiner Freilassung nicht von ihm ab. Wegen der anhaltenden Schikanen und der Überwachung wanderte er schließlich mit seiner Partnerin nach Italien aus. Doch der gemeinsame Frieden auf dem Land hält nicht lange. Seit inzwischen drei Jahren sitzt er erneut in Haft, diesmal in Italien. Dort wurde bereits früh eine bösartige Krebserkrankung festgestellt jedoch verweigert die Anstaltsleitung ihm bis heute die erforderlichen medizinischen Behandlungen. Auch für sein Essen und die dringend benötigten Medikamente müssen er, beziehungsweise sein Unterstützerkreis aufkommen. Seine Freunde sagen inzwischen: „Unser Freund Andi stirbt, ermordet vom Staat“.

So dient das Buch auch nicht nur der Aufklärung über die Knastrealität und des Widerstandes dagegen, die Erlöse fließen auch direkt in die medizinische Versorgung des Protagonisten. „Der Taifun“ ist ein Dokument der gewaltvollen Realität des gesamten Strafsystems in seiner brutalsten Ausformung aber auch der immer wieder auftauchenden Solidarität und des alltäglichen Widerstandes dagegen.

„Der Taifun – Erinnerungen eines Rebellen“
Andreas Krebs Salih
bestellbar unter andreaskrebs@riseup.net
ober bei Black Mosquito
Die Erlöse und Spenden dienen der medizinischen Versorgung von Andreas Krebs.
Weitere Informationen und Texte auf https://andreaskrebs.blackblogs.org/